Leseprobe aus:

Die Stunde des Vaters
Mitgegangen - mitgefangen

Nach dem fünften Klingeln stieg sie einfach über das Gartentor. „Stell dich nicht so an“, rief Felizitas, als ich zögerte. Der kleine Garten sah sehr gepflegt aus. Rund um die Wiese waren Beete angelegt, es blühten Rosensträucher, Hortensien und verschieden Blumen, die ich nicht kannte. Vor der Terrasse befand sich ein See, kaum größer als ein Wassereimer, an dessen Ufer ein angelnder Gartenzwerg thronte. Ich enthielt mich jeden Kommentars und blickte stattdessen über die mit Efeu bewachsene Mauer zum Nachbargrundstück. Dort überwucherte Knöterich kahle Obstbäume und wilder Wein rankte sich um eine altersschwache Tanne. Das Einzige, was blühte, war der giftige Riesenbärenklau.

„Der Garten nebenan ist ja total verwildert“, stellte ich fest, „als wäre er verwunschen.“
„Schon seit Jahren sieht es da so aus“, bestätigte Felizitas. „Das ist meiner Tante natürlich ein Dorn im Auge. Sie behauptet, ihre Nachbarin sei mindestens hundertachtzig Jahre alt und man müsse warten, bis sich die Erben endlich um den Garten kümmern.“
„Was machen wir denn jetzt?“ fragte ich ungeduldig. „Deine Tante ist offensichtlich nicht zu Hause.“
„Stimmt auffallend. Wir können ja mal sehen, ob nebenan die Hundertachtzigjährige zu Hause ist“, rief Felizitas übermütig und schwang sich über die Mauer.
„Komm endlich, hier steht die Terrassentür offen“, rief sie von drüben.

Unwillig folgte ich ihr, aber mir war das nicht ganz geheuer. Felizitas stand mitten im Wohnzimmer, das dunkel und sehr altmodisch eingerichtet war. Über dem altrosa Plüschsofa hing ein röhrender Hirsch im Goldrahmen. Das Zimmer machte einen unordentlichen Eindruck. Die Schranktür stand offen und zwei Schubladen des Sidebordes auch, so als hätte ihre Besitzerin nach etwas gesucht.

„Ich finde das nicht richtig“, gab ich zu bedenken. „Wir werden die alte Dame zu Tode erschrecken.“
Felizitas verzog das Gesicht. „Ich glaube, da kommen wir zu spät“, sagte sie trocken und deutete auf den Teppich vor dem Couchtisch. Ich biss mir auf die Lippe, um nicht zu schreien. Auf dem Boden lag friedlich schlummernd die alte Frau. Warum sollte sie sich zum Schlafen auf den Fußboden legen? Ich ahnte, dass sie tot sein mußte.

„Wir, wir müssen uns um sie kümmern“, stotterte ich.
„Warum? Du kennst sie doch gar nicht. Und um mich hat sie sich auch nie gekümmert. Außerdem ist sie tot.“
Felizitas sah mich mitleidig an: „Kalte Füße?“
„Ja, bitte lass uns hier verschwinden“, bat ich kleinlaut.
„Ich hätte erwartet, dass Du es mit erster Hilfe versuchst oder wenigstens den Notarzt anrufst.“
„Und was sollen wir dann sagen, was wir hier suchen?“ fragte ich verwirrt.
„Genau“, trumpfte Felizitas auf: „Was suchen wir hier? Wir sollten uns zumindest ein Souvenir aussuchen.“ Sie blickte sich im Zimmer um.
„Bist Du verrückt?“ kreischte ich, „laß uns abhauen!“
„Nur keine Panik. Ich gehe nicht, bevor du dir ein Andenken ausgesucht hast.“
„Ich habe aber Panik!“ schrie ich hysterisch, „ich will hier weg.“
„Okay, okay, ganz cool bleiben, du willst doch keine Spielverderberin sein.“ Felizitas verdrehte die Augen, trat seelenruhig auf das Sofa zu und nahm den röhrenden Hirsch von der Wand.

Das Bild war mindestens 50 mal 70 Zentimeter groß, und an der Wand erschien eine helle rechteckige Fläche. Jeder würde sofort sehen, dass hier ein Bild fehlte. Ich fühlte mich völlig hilflos, am liebsten hätte ich geheult.
So schnell ich konnte kletterte ich über die Mauer und wieder über das Gartentor zur Straße, wo Felizitas ihren Wagen geparkt hatte. Ängstlich sah ich mich um, doch auf der Straße war niemand zu sehen. Gemächlich erschien meine ehemalige Klassenkameradin am Tor.
„Du könntest ruhig mal mit anpacken“, bemerkte sie spitz und hielt mir das Bild hin, während sie den Autoschlüssel aus ihrer beuteligen Tasche fischte. Mein Herz schlug bis zum Hals.
„Nun leg es auf den Rücksitz und steig endlich ein“, kommandierte Felizitas und ich gehorchte.
Schweigend fuhr sie Richtung Innenstadt.
„Warum hast du das getan?“ fragte ich, als wir an der Dionysiuskirche ankamen.
„Ein bisschen Nervenkitzel hat noch niemandem geschadet. Schließlich lebt man nur einmal, da muß man alles mal mitgemacht haben. Eines Tages bist du tot und hast gar nicht richtig gelebt. Und ich möchte stark bezweifeln, dass die alte Dame ihr Bild vermissen wird.“

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